Ein Leben nach Rezepten oder: Wie ich erfolgreich verhindert habe, ich selbst zu sein

 

„Du willst immer für alles Rezept haben, immer auf Nummer sicher gehen. Das ist so anstrengend!“ hörte ich meine Vorgesetzte durchs Telefon. Dieser Satz fuhr mir bis ins Mark. Ich merkte, wie mein Herz schneller schlug. Wut in meinem Bauch.

Die Worte fuhren Achterbahn in meinem Kopf.

 

Ich war Trainerin in einem Einzelhandelsunternehmen und es stand eine große Schulungsoffensive bevor, zu der ich – aus meiner Sicht – noch sehr wichtige Fragen hatte.

„So eine Frechheit, nein, Unverschämtheit!“, schoss es mir in den Kopf, als das Telefonat beendet war. Die Wut bahnte sich ihren Weg und Tränen stiegen mir in die Augen.

 

Wie konnte sie nur so etwas sagen!

Ich, die sich immer bemühte, alles perfekt umzusetzen.

Plötzlich fühlte ich all mein Engagement und meinen Einsatz in Frage gestellt.

Nein, ich fühlte MICH in Frage gestellt.

Ich war zutiefst verletzt.

 

Meine größte Angst: zu versagen

Du musst nämliches eines wissen: Ich war ein klassisches Leistungskind, das dem Irrglauben folgte, wenn es nur genug leiste, dann bekomme es die erwartete Anerkennung.

Dafür arbeitete ich bis an meine physische und psychische Leistungsgrenze, immer dem perfekten Ergebnis nachjagend. Mein existenzielles Streben war es, tunlichst Fehler zu vermeiden, um nicht als Versagerin da zu stehen. Ja alles richtig machen, aus Angst, nicht gut genug zu sein.

Dann kam das Ende: Burnout.

 

Einige Zeit später wurde ich Mama. Ich wollte, dass es meine Kinder besser haben, als ich es als Kind hatte. Ich las viele Bücher, wie man es mit Kindern richtig macht. Theoretisch.

Doch diesem Streben wurde ich nie gerecht.

Aufopferung und Überverantwortung waren zusätzliche Fallstricke und ich befand mich irgendwann in einer Situation, die ich mit „emotionaler Null-Linie“ am besten beschreiben kann.

Kraftlos. Emotionslos. Am Ende.

 

Ich warf mir vor, nichts aus meinem Burnout gelernt zu haben.

Ich warf mir vor, eine schlechte Mutter zu sein.

All das Wissen, das ich mir angeeignet hatte, nützte mir nichts.

Ich fühlte mich wie eine Versagerin, auf ganzer Linie.

Das, was ich immer vermeiden wollte, war eingetroffen.

Ich war erschüttert.

 

Es gibt kein richtig oder falsch

Einige Zeit später sitze ich meinem Coach gegenüber und sie sagte:

„Was, wenn es kein richtig oder falsch gibt!“

Wie bitte? Hatte die Frau mir gegenüber das gerade wirklich gesagt?

Ich schaue sie ungläubig an.

Sie wiederholt es nochmal: „Was, wenn es kein richtig oder falsch gibt!

Was, wenn es nur darauf ankommt, was für DICH stimmig und damit richtig ist!“

 

Ich schließe langsam meinen Mund wieder, der bei der Wucht dieser Worte offen geblieben war.

Ich ringe innerlich um Fassung. Emotionales Chaos: Entsetzen, Entrüstung, Trotz. Ungläubigkeit, die sich durch ein heftiges Kopfschütteln ihren Weg sucht.

 

Und gleichzeitig kann ich wahrnehmen, wie sich in meinem Körper urplötzlich alles entspannt, sich ein innerer Raum auftut, den ich noch nicht kenne.

Frei, weit, leicht fühlt es sich.

Und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

 

Ich beginne zu verstehen.

Revolutionäre Worte.

Mein Selbstkonstrukt beginnt zu bröckeln.

Mein Selbstkonstrukt, in dem es mein Leben lang darum ging, ja alles richtig zu machen.

Mein Selbstkonstrukt, in dem es immer darum ging zu wissen und zu lernen, WIE man es richtig macht.

Mein Selbstkonstrukt, das aus angehäuften Rezepten zu allen möglichen Lebenslagen besteht – und in Rezepten steht ja schließlich haarklein und genau, wie man etwas richtig macht, damit es gelingt.

Ein vermeintlich sicheres Korsett, in das ich mich mein Leben lang gesteckt habe.

 

Heute, 14 Jahre später, verstehe ich, was mir meine Vorgesetzte damals sagen wollte.

 

 

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